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Plötzlicher Kindstod: Prävention zeigt erste Erfolge
19.06.2000 • 0 Kommentare

Der Tod kommt vollkommen unerwartet und meist im Schlaf. «Plötzlicher Kindstod» - kaum ein anderer Begriff löst bei den Eltern eines Neugeborenen größere Ängste aus. Zwar ist das Phänomen, in der Wissenschaft kurz «SIDS» (Sudden Infant Death Syndrom) genannt, bereits seit 4.000 Jahren bekannt. Doch trotz dieser langen Zeit und entgegen allem technischen Fortschritt im 20. Jahrhundert, tappen die Mediziner weltweit noch immer im Dunkeln, wenn es um die Frage nach den Ursachen für die häufigste Todesart bei
Kindern im ersten Lebensjahr geht. Genaue Zahlen gibt es nicht, vermutet wird aber, das etwa jedes tausendste Kind in Deutschland daran stirbt.

Gleichwohl, in jüngster Zeit zeigen sich erste Lichtblicke. Durch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit und Vorsorge-Untersuchungen konnte die Sterblichkeitsrate deutlich reduziert werden. Im Regierungsbezirk Dresden sank sie zwischen 1992 und 1997 um fast das Zehnfache von
0,72 auf 0,086 Fälle pro 1.000 Neugeborene.

Ein wichtiger Baustein in der Prävention sind die mittlerweile an vier sächsischen Krankenhäusern eingerichteten Kinder-Schlaflabore. Am Dresdner Universitätsklinikum «Carl Gustav Carus» existiert ein
Kinder-Schlaflabor bereits seit 1993. Geleitet wird es von Professor Ekkehart Paditz.

Draußen ist es helllichter Tag, doch das scheint Marco (Name geändert) nicht zu stören. Tief und fest schlummert der sechs Wochen alte Knirps in dem abgedunkelten Raum des Schlaflabors. Über eine Infrarot-Kamera beobachten die Schwestern der Kinderstation und Professor Paditz den Testschläfer. Auf einem weiteren Monitor zeichnen mehrere Kurven ein exaktes Bild von den Biofunktionen des Kindes. Augenbewegungen, Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalt des
Blutes, Herz- und Hirnströme werden bei Marco kontinuierlich mittels hochempfindlicher Sensoren gemessen. Spüren tut der Kleine davon kaum etwas. «Unser Grundprinzip ist, den Kindern möglichst wenig Schmerzen zuzufügen, daher werden alle Elektroden nur aufgeklebt», erzählt Paditz.

Marcos Mutter wartet derweil unruhig auf die Ergebnisse der Untersuchung. Nachdem ihr sein unruhiger Schlaf aufgefallen war, schickte sie einen bei der Geburt im Krankenhaus verteilten Fragebogen des Sozialministeriums ausgefüllt an das Schlaflabor. Kurze Zeit später bat die Klinik sie, den Jungen vorbeizubringen. Doch nun kann Paditz die junge Frau beruhigen. Die Messungen ergeben
keine ernstzunehmenden Abweichungen bei Marco. «Diese Unruhe ist durchaus normal, Neugeborene müssen richtiges Schlafes erst erlernen», erklärt Paditz ihr.

Marco ist eines von drei bis vier Kindern, deren Schlaf täglich im Labor überwacht wird. Um sich an das fremde Umfeld zu gewöhnen, müssen die Kinder vor der eigentlichen Untersuchung zunächst einmal eine Nacht «probeschlafen».

Doch welche Eltern sollten ihr Kind in ein Schlaflabor bringen? Die Anzeichen für einen möglichen Kindstod ließen sich nur vage angeben, erläutert der Kinderarzt. Hellhörig sollten Eltern werden, wenn ein Kind manchmal blaue Lippen habe, ohne erkennbaren Grund blass werde, durch schrilles Schreien auffalle, sich häufig erbreche oder im Schlaf sehr stark schwitze, obwohl gut gelüftet wurde. Entscheidend sei ferner die Unfähigkeit zu Stillen, Rauchen der Mutter und, wenn der Kindstod in der eigenen Familie bereits vorgekommen sei. Paditz rät Eltern, ihr Kind nicht auf dem Bauch schlafen zu lassen, einen harmonischen Tagesablauf zu schaffen und die Kinder nicht zu warm anzuziehen.

Die Beschäftigung mit dem plötzlichen Kindstod ist noch immer ein Tabu. In der Aufklärungsarbeit treten daher anstelle von angstmachenden Risiken neuerdings verstärkt «positive Botschaften». Damit sollen Überreaktionen vermieden und stattdessen «besorgte
Wachheit» geschaffen werden. Am kommenden Mittwoch veranstaltet das Dresdner Kinder-Schlaflabor einen Tag der offenen Tür. Auch diese Aktion soll dazu beitragen, Licht ins Dunkel zu bringen. Der Erfolg scheint Paditz und seinen Kollegen Recht zu geben.

Quelle: Von ddp-Korrespondent Guido Heisner

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